POV: Du streunst mit den Katern um den Block

Published 2026-05-25 · Language: de

POV: Du streunst mit den Katern um den Block Im Internet gibt es Videos aus wirklich jeder Perspektive. Kleine Kameras lassen uns durch die Augen von Tieren und ulkigen Menschen schauen. Das darf nicht aussterben! Die GoPro-Kamera wurde von einem Surfer erfunden, nachdem er frustriert festgestellt hatte, dass die meisten wasserdichten Kameras zu fragil sind, um eine epische Session auf den Wellen

POV: Du streunst mit den Katern um den Block

Im Internet gibt es Videos aus wirklich jeder Perspektive.

Kleine Kameras lassen uns durch die Augen von Tieren und ulkigen Menschen schauen. Das darf nicht aussterben!

Die GoPro-Kamera wurde von einem Surfer erfunden, nachdem er frustriert festgestellt hatte, dass die meisten wasserdichten Kameras zu fragil sind, um eine epische Session auf den Wellen zu überstehen.

Er entwickelte also ein Ding, das hart im Nehmen ist und auf allen möglichen Sportgeräten und Körperteilen angebracht werden kann. Entsprechend gehören die GoPro und all die Copycat-Produkte, die mittlerweile auf dem Markt sind, zur Gattung der »Action-Camcorder«. Doch Action muss nicht gleich Surfen, Bouldern oder Mountainbiken sein.

Es gibt kreative Anwendungen für die kleinen, quaderförmigen Filmgeräte, die noch viel unterhaltsamer sind. Und die sind leider gefährdet.

Dank einer stirnmontierten Kamera haben wir die Möglichkeit, das Leben einer Tiefseetaucherin, eines Hochdruckreinigungsexperten oder einer Postbotin zu erleben.

Solche Videos sind die reinste Form der Ich-Perspektive, mehr noch als Selfie-Videos: Die Welt wird uns nicht präsentiert, nicht inszeniert. Wir schauen quasi direkt durch die Augen der jeweiligen Person. Das Schlagwort POV, point of view , ist zu einer Art geflügeltem Internet-Genrebegriff geworden, der sagen will: mittendrin statt nur dabei.

Und weil Action-Camcorder so klein und so flexibel sind, gibt es Menschen, die solche Kameras auf irgendetwas oder irgendjemand Unerwartetes schnallen und mit den Videos Blickwinkel öffnen, die man vorher nicht kannte. Es ist ein ergreifendes, süchtig machendes Erlebnis.

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Ein Content-Creator etwa sammelt Millionen Views mit GoPro-Videos vom Ozean, wie man ihn noch nie gesehen hat: die Innenseite einer Welle, die Schwelle zwischen Wasser und Himmel, die Blasen in der Gischt.

Die Videos der TikTokerin Isabella Strickland sind besonders beliebt: Sie lässt ihr Kleinkind durch die Gegend laufen, mit einem Action-Camcorder auf der Brust, und plötzlich sieht man bekannte Umgebungen durch die Augen von jemandem, der 65 Zentimeter groß ist.

Selbstverständlich – wir reden hier über das Internet – sind Tiere beliebte Protagonisten bei dieser Art Experiment. Der weltberühmte Kater Mr. Kitters spaziert regelmäßig mit einer GoPro am Hals durch seinen Kiez – er scheint mit den anderen Katzen in der Nachbarschaft zu quatschen, jagt unsichtbarer Beute hinterher und beobachtet Bienen.

Nicht nur sind Mr. Kitters und sein Kinn (ein Leitmotiv in jedem Video) umwerfend süß, die Videos sind auch eine seltene Möglichkeit, das geheime Leben und das unbeobachtete Verhalten eines Tiers zu erleben.

Nicht nur bei Katzen: Es gibt Action-Videos von verschiedenen Vögeln, Kühen, Hunden. Wobei man bei Hunden vorsichtig sein muss, weil man gegebenenfalls nur eine lange Nahaufnahme vom After eines anderen Hundes zu sehen bekommt.

Ein Hund mit dem Namen Willy zum Beispiel ist dafür bekannt, seine Abenteuer mit einem Action-Camcorder auf einem Selfiestick aufzunehmen.

Durch die Fischaugenlinse entsteht der charmante Effekt, dass die Welt um ihn herum kugelrund und klein aussieht wie eine Miniaturlandschaft. Willy rennt durch Wiesen und taucht im Meer und ist in jeder Sekunde das wichtigste Wesen auf einem winzigen Planeten.

Diese verzerrenden Effekte sind eigentlich dafür gedacht, sportliche Action-Szenen noch actionmäßiger zu gestalten. So zweckentfremdet aber machen sie auch banale Videos erifend.

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Willkommen im Wochenende

Ein weiteres Beispiel ist der YouTuber Francis Bourgeois. Er ist Zugenthusiast und vloggt seine besten Momente, während er auf dem Gleis wartet. Er trägt nerdige Pullis , informiert sich akribisch über wichtige Bewegungen in der britischen Zuginfrastruktur und flippt aus, wenn er einen seltenen Zug sieht oder gar vom Zugfahrer anghupt wird. Doch was ihn berühmt gemacht hat, ist seine GoPro: Er trägt die Kamera auf der Stirn , aber so nach innen gewandt, dass sie seine Reaktionen aufnimmt. Dadurch wird sein Gesicht in eine absurde Maske verwandelt. Kombiniert mit seinem pfeifenden Lachen ist das Ganze unterhaltsam surreal – und zugleich ein verspielter, bewegender Ausdruck seiner hemmungslosen Freude.

Vielleicht ist die Fischaugenlinse das Fenster, durch das wir das innere Kind von Bourgeois betrachten. Und vielleicht ist es das geheime Gewürz , das die sonst ziemlich schläfrigen Videos immer wieder viral gehen lässt. Jedenfalls gibt es mittlerweile zahllose Content-Creatoren, die aussehen wollen wie Türspion-Besucher . Ihr Publikum dankt es ihnen.

Obwohl der Action-Camcorder so viele neue Arten von Online-Inhalten möglich gemacht hat, könnte er gerade kurz davor sein, auszusterben . Handy-Kameras sind mittlerweile in der Lage, in vielen abenteuerlichen Situationen ähnlich hochwertige Videos aufzunehmen. Viele sind wasserfest oder können in einem robusten Gehäuse gesichert werden.

Außerdem gibt es mittlerweile eine Ray-Ban-Brille mit Meta-Verknüpfung und einer winzigen integrierten Kamera. Mit nur einem Knopfdruck kann man mit der Brille alles aufzeichnen, was man sieht – wesentlich praktischer und unauffälliger , als sich einen schwarzen Klotz auf den Kopf zu kleben oder das Handy vors Gesicht zu halten. Wenn diese Brille den Mainstream erreicht, könnte zukünftig ein Großteil der Videoinhalte, die wir konsumieren, wie ein First-Person-Shooter aussehen.

Die Unauffälligkeit der Meta-Ray-Ban-Brille ist aber zugleich ein Problem. Das Produkt ist noch relativ neu, trotzdem sind die ersten Berichte viral gegangen von Menschen, deren (Frauen)ärztinnen oder Schönheitspflegerinnen diese Brille im Termin trugen. Man kann die Brille zwar eigentlich nicht für heimliche Aufnahmen nutzen – ein kleines Licht soll immer leuchten, wenn die Kamera aktiv ist – doch wir wissen, dass solch subtile Sicherheitsmaßnahmen ungefähr so sicher sind wie eine Haustür aus nassem Brot. Ich bin nicht mal Hackerin, könnte aber das Licht in einer Meta-Ray-Ban-Brille einfach mit der Magie von schwarzem Nagellack verschwinden lassen. Und geleakte Informationen deuten an, dass die Brillen sowieso regelmäßig Videos aufnehmen – oder zumindest mit externen Mitarbeitern teilen –, ohne dass die Brillenträger das mitbekommen: um die Videos von KI-Trainern analysieren zu lassen.

Doch auch ungeachtet der fragwürdigen Datensicherheit werfen solche Kamerabrillen die Frage auf, ob es eine gute Idee ist, das Aufnehmen unserer persönlichen Perspektive noch weiter zu vereinfachen. Das Internet quillt schon über vor langweiligen Videos von Menschen, die die Banalitäten ihres Alltags dokumentieren, als wäre ihr Chiapudding eine Schlagzeile.

Das Besondere am Action-Camcorder ist nicht die Möglichkeit, die Perspektive einer Person aufnehmen zu können – auch wenn das Gerät explizit dafür verkauft wird. Der Vorteil dieser Kamera ist alles andere, was man damit erleben kann: die Weltsicht einer Katze, die kristallklare Ruhe im Kern einer Monsterwelle, den absurdesten Aspekt eines Menschen.

Wir sollten Tools unterstützen, die es uns ermöglichen, mit Videos zu spielen. Die unsere Neugier auf die ungesehenen Seiten der Welt stillen, die uns buchstäblich – und im übertragenen Sinne – die Perspektive wechseln lassen. Nicht die, die uns suggerieren, dass unsere tägliche Frühstücksroutine ein Kurzfilm ist.

In der Serie »Rose erklärt das Internet« untersucht Rose Tremlett jede Woche Onlinephänomene, die unser Leben verändern. Haben Sie etwas im Internet gesehen, das Sie nicht verstanden haben? Schreiben Sie Rose !